Zum Werk von Sandra Heinz

Grundlegender Zug ist das Einbeziehen vorgefundener all-täglicher Materialien, die einem Transformationsprozess unterzogen werden. Waren es bei den Zeitungsarchiven die täglich wechelnden Informationen der Printmedien, die durch Weißen oder Wachsen konserviert wurden, so sind es seit geraumer Zeit getragene Kleidungsstücke: Strick-pullover, Hosen, Schuhe, selbst Taschen, das, was in Ecken verstaubt oder in der Altkleidersammlung landet.
Über die Auseinandersetzung mit Körpersprache und Mode ist Sandra Heinz auf Kleidung gekommen. Fasziniert einer-seits von der Materialität eines weichen Strickpullovers, sind andererseits der Verweis auf die ehemaligen Besitzer und die Vorstellungen, die wir anhand einer Kollektion ab-gelegter Taschen oder getragener Schuhe von dieser Per-son entwickeln, für Sandra Heinz ein entscheidender As-pekt bei den Kleiderarbeiten. Zum anderen werden durch Zerschneiden und neu Zusammensetzen – also Dekonstruk-tion – aus Kleidungsstücken, die einen bestimmten Ver-wendungszweck hatten, Stoffobjekte, die auf Grund der Eigenschaften des jeweiligen Materials und dessen Farbe von Sandra Heinz in eine neue Form gebracht werden.

Auffallend ist die Vorliebe für das Arbeiten in Serien. Die umfangreichen Jahresarbeiten mit Zeitungen, bei denen Text- und Bildinformationen ganzer Jahrgänge durch Weißen oder Überziehen mit Wachs archiviert werden, sind der bei weitem gewichtigste Teil. Die Erscheinungsweise und das Format einer Zeitung liefern die Vorgabe für das Arbeiten in Serien, das auf die Reihe zielt und nicht auf das einzelne Blatt. Indem dies in die Ordnung mit anderen Blättern gestellt wird, wird es Teil eines neuen Bildsys-tems, wobei das Ganze mehr ist als die Summe der Teile.
Über die Zeitungen ist Sandra Heinz auf eines ihrer Schlüs-selthemen gestoßen: Zeit. Tag für Tag bündeln Tageszei-tungen Informationen, die als Nachrichten eines bestimm-ten Tages Zeit dokumentieren. Die Frage des Umgangs mit der täglichen Fülle an Informationen, die Frage der Ver-dinglichung von solcherart wahrgenommener Zeit übt auf sie eine große Faszination aus.

Begleitet werden diese Werkgruppen von raumbezogenen Arbeiten bis hin zu Installationen im Innen- und Außenbe-reich, die Sprache und Klänge einbeziehen können. Cha-rakteristikum für verschiedene Arbeiten in Projektform ist das besondere Interesse von Sandra Heinz an interaktiven Prozessen, bei denen andere Personen an der Entstehung eines Werkes beteiligt werden. Zwar nimmt sich Sandra Heinz als Künstlerin dabei zurück, sie liefert aber die Idee und den formalen Rahmen. Wichtiger ist ihr der aus dem Zusammenspiel aller Beteiligten bei der Genese des Werks entstehende Reflexionsprozess.

Schließlich sind die vielen Künstlerbücher zu nennen. In den frühen Büchern hatte Sandra Heinz einfach mit Stiften in die weiße Farbe geschrieben. Es folgten Bücher mit col-lagierten Seiten oder getackerten Bildmotiven, zum größ-ten Teil ohne Texte, dann wieder solche, in denen der Text – auch jetzt meist handschriftlich eingetragen – neben Hand-zeichnungen einen gewichtigen Part spielt. Die letzten sind mit Lasergraphik ausgestattet, bei denen dreidimensionale Stoffobjekte durch Kopieren oder Scannen ins Zweidimen-sionale übertragen werden. Eine überraschende Stofflich-keit zeichnet diese Graphiken aus und durch die Entschei-dung für Ausschnitte von Kleidung auch ein Stück Rätsel-haftigkeit.

Dazu ein Auszug aus dem Katalog
»Kein abgeschlossenes Ereignis«
Mainz 2000, Seite 18/19.

Ausschnitte
Auffallend oft finden sich in den Arbeiten von Sandra Heinz Aussparungen oder Ausschnitte. (…) Lese ich Ausschnitt als Ausschnitthaftes, hat das von Sandra Heinz bevorzugte Verfahren eine weitreichende Dimension. Das Ausschnitt-hafte stünde für den fragmentierten Blick, der wie der Blick in den Autorückspiegel immer nur einen Teil der Wirklich-keit erfasst. Das Bruchstückhafte wäre demnach der adae-quate Ausdruck der Subjektivitiät der eigenen Erfahrung bzw. das Herausheben eines einzelnen Aspekts. (Sandro Bocola) Eigenartig, auf zwei Karten des FR-Projekts fol-gende Aussparungen zu finden: zerschnipple ich alles /148/1994) und keine Ahnung vom Ganzen (304/1994). Für Jean Clair ist genau das das Charakteristikum der Moderne, diese Kunst des Fragments, des Bruchstückhaften, ausbeuten und diese Trümmer in der Sehnsucht nach einer verlorenen Einheit zu preisen. (zitiert nach: Das Fragment, Der Körper in Stücken, Frankfurt 1990,20)

Ulrich Meyer-Husmann