Zu den Arbeiten von Sandra Heinz

Hinter den Arbeiten stehen Menschen. Nur sehen wir sie nicht. Wir erinnern uns aber ihrer.

Die Erinnerungen sind wie ein Echo, das aus der Ferne zu uns dringt. Ihre Arbeiten reflektieren die Ahnung von einem Menschen, sie sind wie ein Spiegel, der aus einer leeren Hülle wieder etwas Lebendiges zaubert. Heinz‘ Werke haben Substanz, körperliche Substanz, auf irritierende Weise beinhalten sie eine starke Präsenz. Das Abwesende ist anwesend, die klare Grenze zwischen Vorhandenem und Abwesendem wird aufgehoben. Heinz stemmt sich gegen das Vergängliche, um immer wieder aufzuzeigen, wie vergänglich das Gestern ist. (…)

Die Künstlerin arbeitet schon seit vielen Jahren mit Kleidung. Neben der reinen materiellen Form der Kleidungstücke kam immer auch eine Erinnerung bzw. eine Verbindung, die jemand mit diesen Kleidungsstücken hatte, hinzu. So schälte sich für Heinz aus diesen Kleidungsstücken immer auch eine Person heraus. Ihre Kunst besteht nun darin, auch für den Betrachter über die Kleidung eine Person zu assoziieren.

Die Kleidung formt sich zum Porträt. Natürlich machen wir uns alle über die Kleidung ein Bild von jemandem. Die Definition eines Menschen fand und findet auch über seine äußere Erscheinung statt. Sie spiegelt mehr als nur den Geschmack ihres Trägers wider. Sie steht sowohl für seine soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft als auch für sein Inneres. (…)

Mittels der Isolierung und Konzentrierung auf den Stellvertreter findet eine Bedeutungserweiterung statt. Dadurch dass die Kleidung nicht mehr im unmittelbaren Kontext ihres Trägers steht, kann sie einfach für sich betrachtet werden. Deshalb ist die Kleidung beides, unmittelbare Erinnerung an einen bestimmten Menschen und gleichzeitig offenes Synonym für Menschen allgemein und spricht uns alle an.

Bei den Kleiderarbeiten zeigt sich zudem Heinz‘ großes Interesse an Stofflichkeit.
Im Laufe der Jahre sind Kleidungsstücke von ihr in ganz unterschiedlichen Verfahren in ihrer Stofflichkeit verformt worden. Pullover wurden in Gips getaucht, Shirts wurden mit Wachs versteift. Die aktuellen Kleidungsstücke sind steif geworden, indem mehrere Lagen von Farbe immer wieder darüber gemalt worden sind. Sie sind wirklich steif und ein Stück weit auch erstarrt. Dieses Erstarren friert gleichzeitig auch einen Moment der Bewegung ein. (…)

Heinz verfestigt und transformiert die Flüchtigkeit der Zeit. In dem jetzigen Zustand der Kleidungsstücke wird man sich der Vergänglichkeit der Zeit bewusst. So gesehen handelt es sich auch um ein modernes Vanitas-Bild, ein Memento Mori unseres heutigen Umgangs mit der Zeit. Wo früher Totenköpfe und Stundengläser den Menschen die eigene Vergänglichkeit vor Augen hielten, erledigen dies heute die Kleidungsstücke.

Text: Auszüge aus der Rede von Dr. Peter Forster
Zur Eröffnung der Ausstellung ‚Echo der Erinnerung‘ Im Bellevue-Saal in Wiesbaden